Meine berufliche Neuorientierung – oder auch der steinige Weg zum (Karriere)Ziel?

3. April 2019 1 Von SteMa

Vor einiger Zeit traf ich mich mit Katharina Nolden und unterhielt mich mit ihr angeregt über die Herausforderungen des Personalmanagements sowie über unsere eigenen Erfahrungen bei der Jobsuche. Katharina betreibt erfolgreich ihren Blog zu den Themen Recruiting und Arbeitswelt der Zukunft. Ihre Artikel werden häufig geteilt und kommentiert und ich nahm an, dass es für sie Jobsuche sicher leicht war. Als sich herausstellte, dass sie ebenfalls einige Hürden bei der Jobsuche erlebte, ermutige ich sie, darüber einen Artikel zu schreiben.

Mittlerweile war sie so mutig und hat dies gewagt und ihre eigenen persönlichen Erfahrungen und Learnings auf der Jobsuche in einem Artikel beschrieben. #ArbeitMitSinn

Dafür erhielt sie viel Feedback, Zustimmung und genau das habe ich erwartet. Reden wir also drüber!

(Ich empfehle jedem diesen Beitrag mit einer Portion Ironie und Humor zu lesen. Ab und zu wird Stolz verwendet, nicht Arroganz – letzteres hat in meinem Leben keinen Platz.😉)

Heute möchte ich dazu meinen Beitrag leisten und mittlerweile kann ich auf eine lange „Karriere“ zurückblicken, die mit einigen Erfahrungen guter und weniger guter Natur gespickt sind und die mich dennoch zu dem Menschen gemacht haben, der ich nun bin. Denn blicke ich auf mein Leben zurück, fällt mir eines auf: ich habe schon immer viel gemacht und mich für viele Dinge begeistert. 

Von der Schule ins wahre (Arbeits-) Leben

Würden wir ganz von vorn anfangen, fällt mir meine glänzende Karriere in der Grundschule ein (nur Einsen, Schulbeste) und dann das Abitur (schwieriger). Aber bestanden! Allein diese Stationen wären eine Geschichte wert.

Nach dem Abitur zog es mich in die weite Welt – vom Dorf in die Großstadt. Berlin sollte es sein. Ich wollte Schauspielerin werden. Ich spielte nämlich früher im Schultheater, schrieb für die Schülerzeitung und trug meine eigens geschriebenen Gedichte in einem Schüler-Autorenclub vor. Die Aufnahmeprüfung war für mich eine wahnsinnig tolle, wenn auch zum Schluss ernüchternde Erfahrung. Nach dem Singen, Rezitieren und einem selbst ausgewählten Monolog, kam es endlich zur Bewertung. Das damalige Feedback lautete: „Leider haben Sie keine Persönlichkeit!“ Herzlichen Willkommen im Leben nach der Schule. Mich hat das Feedback verdutzt und ich antwortete nur, dass ich mit solch einer „Bewertung“ wenig anfangen kann und dies für mich keine brauchbare, konstruktive Kritik ist. Damit war die Sache für mich erledigt. Aber ich hab‘ mich wenigstens getraut.

Um doch noch nach Berlin ziehen zu können, bewarb ich mich auf ein Praktikum und zog nach der Zusage mit Sack und Pack in die Hauptstadt. Außerdem begann ich mein Studium der Geisteswissenschaften („Willst du nicht was „richtiges“ machen?“ hörte ich oft, aber ich liebte, was ich studierte) und fühlte mich angekommen. Ja, Geisteswissenschaften: konkret Germanistik, Geschichte und Kunst. D.h. ich habe unheimlich viel gelesen, sehr viel Zeit in Museen verbracht und diverse Sprachen gelernt. Und nur 20% bestehen angeblich den Magister – auch ich! (Meine Erfahrungen dazu habe ich mal in einem Artikel zusammengefasst.)

Ich arbeitete dann 6 Jahre in einer Agentur und wurde Projektleiterin für Konferenzen im Bereich Akademische Weiterbildung und Personalmarketing. Hier begann meine „Karriere“ an der Schnittstelle zwischen Marketing und Personal. Nebenbei bildete ich mich immer gern weiter und belegte berufsbegleitende Seminare im Dienstleistungsmarketing und Projektmanagement. 

Nach den 6 Jahren wurde es aber Zeit für einen Wechsel, der mir auch gelang und der mich weitere 5 Jahre bei einem Arbeitgeber beschäftigte. Für mich wurde ein Traum wahr. Ich arbeitete in einem großen Konzern und lernte neue Strukturen und Prozesse kennen. Meine Zeit dort war unheimlich aufregend und lehrreich.

Durch unseren AG hatte ich zwar die Möglichkeit, einige Seminare zu besuchen und mich auch privat weiterzubilden (Online Marketing). Aber ich merkte nach einigen Jahren, dass ich noch nicht dort war, wo ich sein wollte und dass ich nicht die Entwicklung erreichen konnte, die mir wichtig war. Vielleicht wusste ich es aber auch nicht wirklich. Meine Arbeitsleistung war immer top, beste Verkäuferin in meiner Abteilung, tolle Kundenbeziehungen und im Endeffekt kam jeder Kollege gern zu mir, wenn er einen Rat brauchte. Es fiel mir leicht. Im Inneren wollte ich mal etwas anderes machen.

Am Anfang dachte ich, dass mir einfach die Sinnhaftigkeit fehlt und ich diese im Privaten wiedergewinnen konnte. Also entschied ich mich, ehrenamtlich in einem Wohnheim für Demenzerkrankte auszuhelfen. 

Als ich dann 2018 beruflich etwas neues machen wollte, sah ich hoffnungsvoll in die Zukunft. Mit meinen 11 Jahren Berufserfahrung, nahtlos, Agentur- und Konzernerfahrung, ehrenamtlichem Engagement, diversen Weiterbildungen und 6 Sprachen (die ich mehr oder weniger gut konnte, aber die Basics sind da) sollte es doch einfach für mich sein, einen neuen Job zu finden.

Bewerbungen schreiben 

Weit gefehlt.

Ich habe fast 40 Bewerbungen geschrieben. Und keinen Job bekommen. Dieser Prozess war sehr aufwendig und ernüchternd. Allein die Recherche nach passenden Stellen, auch mit einem Jobagenten oder über einen Headhunter, gestaltete sich schwierig. Wer hat wirklich die Muße, unzählige Ausschreibungen auf den Online-Jobbörsen durchzuscrollen, um eine zu finden, die passt? Wer bestimmt, was „matcht“? Wo sind auch Quereinsteiger willkommen? Gibt es nur eine Funktionsbezeichnung für eine Stelle oder verbergen sich hinter denen ein Mix an verschiedenen?

Hinzu kommen die eigenen inneren Hürden. Mir liegt es nicht, Anschreiben und CV wie ein professioneller Mediengestalter aufzubereiten und ich empfinde es auch nicht als bewerberfreundlich, wenn ich in einen 5-seitiges Onlineformular noch einmal all meine Punkte aus dem CV manuell einfügen muss. Dafür habe ich Freude an persönlichen Gesprächen und dem stattfindenden Austausch. Von mir aus halte ich auch eine Präsentation. Das kann ich.

Aber dort erstmal hinkommen, denn hinter dem Button „Jetzt bewerben“ kann sich das Grauen verbergen: Email-Bewerbung, PDFS einzeln, PDFs zusammen, Online-Formulare, Profil anlegen, mit Business Profil verlinken usw. Und der Ansprechpartner? Den gibt’s wohl nur selten.

Besonders ernüchternd war die Rückmeldung der Unternehmen, bei denen ich mich beworben hatte. Es war alles dabei: keine Rückmeldung, eine automatische, aber unpersönliche und vage Rückmeldung, Rückmeldung mit Ansprechpartner, aber mit Bitte diesen nicht zu kontaktieren, man würde sich melden, Rückmeldung mit Lückentexten und freundliche, aber allgemeine Absagen.

Da ich gerne ordne und dokumentierte, kann ich berichten: auf die ca. 40 Bewerbungen gab es auf fast 1/3 keine Reaktion oder eine automatische Eingangsbestätigung und 11 direkte Absagen ohne ein Kennenlernen (oder Absagen Monate später als ich mich schon gar nicht mehr erinnern konnte, dass ich mich dort beworben hatte).

Ich hatte wenige Vorstellungsgespräche – davon drei als Trainee. Resultat daraus, dass ich annahm, ich hätte eher als Trainee Chancen. Aber dies war nur der Tatsache geschuldet, dass ich aufgrund der Absagen kurzzeitig glaubte, ich würde noch etwas nachholen müssen. Natürlich nicht! Die Vorstellungsgespräche waren leider auch nicht der Hit. Nach einem gab es sogar gar kein Feedback, auch nicht auf Nachfrage und der Rest hat mich nicht davon überzeugt, dort wirklich einen Job anzutreten. Ich habe mich mal auf eines 1 Woche inhaltlich vorbereitet, weil ich die Stelle so wahnsinnig spannend fand und überzeugen wollte. Das Ende vom Lied war, dass ich 35 Minuten warten musste bis ich überhaupt in das Büro gehen durfte mit der Begründung (überspitzt): „Ach, hier ist es immer stressig. Ist halt so! Wer waren Sie nochmal?“ Das ist doch traurig! Es besteht doch auf beiden Seiten ein Bedarf – wie beim Dating. Da zeigt man sich von seiner Schokoladenseite.

„Warum haben Sie denn immer nur an der Schnittstelle zwischen Marketing und Personal gearbeitet, aber nie im Personal?“ Wahrscheinlich, weil mir eben solche Fragen gestellt werden und mich niemand eingestellt hat.

Meine Candidate Journey war wie eine Rucksackreise ohne Unterkunft.

Irgendwann habe ich den Druck rausgenommen und mir nicht mehr vorgenommen, jede Woche mindestens 5 Bewerbungen zu schreiben. Denn im Endeffekt würde ich mich dann auch auf Stellen bewerben, die mich gar nicht wirklich interessieren und nur dafür stehen, dass ich mich beworben habe. Ich habe mich gefragt, wem es ebenso geht und wo ich diese Menschen finden kann, um mich mit ihnen auszutauschen. 

Menschen treffen

Also begann ich zu recherchieren nach Menschen und ihren Lebensgeschichten. Dabei stieß ich auf Jannike Stöhr, die nach vielen Jahren im Konzern ihren sicheren Job aufgab, um 30 Jobs in einem Jahr auszuprobieren und darüber schrieb sie ein Buch, welches ich mir bestellte. Leider kam das nicht an und somit beschloss ich, Jannike direkt zu kontaktieren. Einige Zeit später saßen wir zusammen bei mir zuhause, tauschten uns aus und ergründeten meine Talente und Leidenschaften, die mir persönlich und für den Beruf wichtig sind. Wer hätte gedacht, dass der Onlineversand heute doch länger braucht und ich somit eher die Gelegenheit hatte, Jannike persönlich zu treffen? Auch jetzt noch sehen wir uns zu einem Kaffee, wenn sie in Berlin ist. Das war Inspiration Nr. 1.

Mir fehlte noch der Austausch in einer Gruppe von Menschen, die ebenfalls wie ich keine guten Erfahrungen bei der Jobsuche gemacht hatten. Denn in meinem privaten Umfeld waren alle angestellt, „in Sicherheit“ und die Ratschläge zu meiner Situation ließen sich immer in einem Statement zusammenfassen: „Das wird schon!“

In den einschlägigen Social-Media-Kanälen gab es keine Gruppe, wie ich sie suchte, erfuhr aber, dass ein Bedarf an diesem Austausch da ist. Also rief ich selbst eine Initiative ins Leben, die ich Quit & Jump nannte. Mein Ziel war es, hier Menschen zu treffen, denen es ähnlich ging, die entweder gekündigt haben und sich ohne neuen Job auf die Suche machen oder Menschen, die ihren Job wechseln wollen, aber niemanden haben, mit dem sie über diese Gedanken sprechen können da dies meist im Geheimen passiert. Seit Juni treffe ich jeden Monat neue, tolle Menschen und lausche ihren Geschichten und habe viel gelernt. Vor allem, dass man nicht allein ist mit seinen Sorgen und Zweifeln und es weitergeht. Jeder, der sich mit dem Thema beschäftigt, kann an den Meetings teilnehmen. Das war Inspiration Nr. 2.

Zeitgleich zu Quit & Jump entschied ich, meine berufliche Neuorientierung auch über die Social-Media-Kanäle offen zu kommunizieren und setzte einen desillusionierten Post über meine Bewerbungserfahrung ab. Schonungslos. Die stieß auf große Resonanz und ich bekam ein positives (bis auf wenige Ausnahmen) Feedback für meinen Mut sowie Gespräche mit  Menschen, die sich mit mir austauschen wollten.

Das Besonderste war, dass mich Tijen Onaran auf einen Kaffee einlud, um sich mit mir auszutauschen und zu sehen, ob wir Anknüpfungspunkte finden. Wir hatten ein sehr gutes Gespräch und durch Tijen besuchte ich das ein oder andere Mal auch die Netzwerktreffen der Global Digital Women. Ich finde es toll, was sie auf die Beine gestellt hat, es ist „ihr Baby“ und ich bewundere sie für ihr Engagement und ihr Netzwerk, das mittlerweile die digitalen Frauen (fast) auf der ganzen Welt sichtbar macht. Das war Inspiration Nr. 3.

Das ging mir auch so als ich zufällig privat Aimie-Sarah Carstensen traf, die mich direkt auf meine Social-Media-Aktivitäten ansprach. Ich kenne Aimie nur flüchtig, auch aus meiner Zeit im Konzern und habe danach verfolgt, was sie alles auf die Beine gestellt hat – Hut ab, eine tolle Frau! Mit ihr hatte ich auch einen tollen Austausch zu unterschiedlichen Themen. Aimie-Sarah ist eine unheimlich tolle Frau, die mit ArtNight eine Plattform ins Leben gerufen hat, die unsere Freizeit wieder erfahrbar und wahrnehmbarer macht, was wir heutzutage im Arbeitstrubel (ich würde es fast Wahnsinn nennen) fast vergessen. Inspiration Nr. 4.

Eine weitere tolle Frau, die ich in dieser Zeit getroffen habe, war Eva Stock. Ich kannte Eva schon durch die HR Szene und irgendwann saß ich mit ihr im Prenzlauer Berg bei einem Glas Wein, besprach mit ihr Tipps für bessere Stellenausschreibungen und meine berufliche Zukunft. Auch heute kreuzen sich unsere beruflichen Wege oft und wir haben immer gute Gespräche über die Zukunft der Bewerbung und des Recruitings. Es braucht mehr Evas in der HR SzeneInspiration Nr. 5.

Da ich zu dieser Zeit viel im Bereich Social Media unterwegs war – beruflich wie privat – sah ich auf Instagram, dass Robindro Ullah und Michael Witt gegründet hatten. Da ich Robin schon einige Jahre durch meinen Beruf kannte, schrieb ich ihn einfach an, dass ich gern mal über sein neues Projekt mit ihm sprechen möchte. Der Rest ist Geschichte. Seit September koordiniere ich alle HR TEC Nights in ganz Deutschland. Betreue die Social-Media-Kanäle. Lerne gefühlt fast alle HR TEC Startups und die HR Szene in Deutschland kennen, schreibe Artikel und Blogposts darüber usw. Im Sommer begann ich dann noch eine Weiterbildung im Social Mediamanagement und anschließend ein Seminar für Personalmanagement und -entwicklung. Gap closed, sag ich mal.

Ich finde, das tut meiner Entwicklung gerade gut. Und ich bin noch nicht am Ende. 

Und nun?

Alles liegt hinter uns und soviel noch vor uns. Aus allem, was wir erleben, lernen wir. Durch Menschen, die zeigen, dass es geht, wenn man etwas will und wenn man seinem Weg vertraut. Stolpersteine hin oder her. Darüber zu reden mit Gleichgesinnten und Menschen, die uns inspirieren, hilft.

Was ist also in diesem einen Jahr für mich passiert, was habe ich gelernt und wo führt das alles hin?

Es ist viel passiert. Im Großen und Ganzen eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Die Erkenntnis, dass Bewerben nicht immer leicht oder das heutige Personalmanagement überfordert ist. 

  • Quereinsteiger haben es trotz Fachkräftemangel schwer, weil es kaum konkrete Angebote oder Integrationsprozesse gibt. In Zukunft werden sie aber ein großes Potential darstellen.
  • Der Arbeitsmarkt hat sich gewandelt: Eine Bewerbung abzuschicken bedeutet heutzutage, dass man nach einem Bewerbungsgespräch erst entscheiden kann, ob man überhaupt bei dem Unternehmen arbeiten möchte.
  • Mosaiklebensläufe gibt es mehr als man denkt und auch sie führen zum persönlichen Ziel.
  • Auf mich und meine Bewerbung hat niemand gewartet, aber irgendwann gibt es ein Match.
  • Das Netzwerken und der Austausch mit Menschen unterstützt dich in vielen Dingen: inspiriert, verbindet, verbündet und regt dich zum Nachdenken und zum Handeln an.

Ich treffe weiterhin Menschen, hinterfrage meine Ziele und Motivation, forsche weiter, berate und unterstütze Menschen bei Bewerbungen und Neuorientierung und wo ich im Endeffekt lande und arbeite, das werde ich sehen. Manchmal fließt alles. Und das muss man zulassen.

To be continued…

P.S.: Ich habe alle Personen, die in diesem Artikel auftauchen, vorher gefragt, ob ich sie nennen darf. Und das tue ich gern.