Wie viel Human steckt in HR?

4. Oktober 2019 0 Von SteMa
Human Place by hzaborowski

Diese Frage haben sich sicherlich schon einige Menschen gestellt, die als Bewerber vor der Herausforderung stehen, mit ihrer Bewerbung wahrgenommen zu werden. Allerdings ist es seit jeher so, dass eine Auswahl zum Vorstellungsgespräch meist vom detaillierten Lebenslauf abhängt, der darüber Aufschluss gibt, ob man aufgrund der fachlichen Qualifikationen, der Ausbildung sowie der Berufserfahrung für den Job geeignet ist. Der Mensch wird auf diese Weise nur einseitig betrachtet und manche „Schnitzer“ im Lebenslauf führen in der Personalabteilung eher dazu, dass man diesen vorschnell beurteilt, ohne z.B. die private Situation berücksichtigen zu können. Ich selbst sehe den Bewerber schon immer mit den anderen Augen. Sie schauen dahinter und intuitiv weiß ich oft, welche Kurven im Lebenslauf durch bestimmte Umstände notwendig waren. Die Frage ist nur, wie viele potentielle neue Mitarbeiter gehen uns verloren, wenn wir nur nach den Kriterien im Lebenslauf entscheiden?

Der Lebenslauf als Bewertungsmaßstab

Bei Quit & Jump lerne ich immer wieder Menschen kennen, die sich stark mit sich selbst auseinandersetzen und in den Bewerbungen versuchen, den Umschwung in ein neues Unternehmen oder eine Branche zu schaffen. Sie möchten ernst genommen werden und deutlich machen, warum sie dennoch passen, obwohl eine formale Angabe einer bestimmten Weiterbildung fehlt. Es ist durchaus auch so, dass einige Bewerber schlichtweg nicht die Mittel haben, sich Weiterbildungen zu finanzieren oder aber auch in Zeiten einer Arbeitslosigkeit nicht die Unterstützung für eine Neuorientierung erhalten, die sie brauchen. Sie verlieren manchmal den Mut. Und das ist menschlich.

Die Identifikation mit dem eigenen Job ist wichtig und bestärkt uns darin, sinnhaft zu arbeiten, denn ich möchte bei einem Arbeitgeber angestellt sein, den ich unterstützen will. Und vorher möchte ich ihn von mir überzeugen. Dennoch werden wir oft auf unsere Berufe & Abschlüsse reduziert – auch im gesellschaftlichen Kontext. Mir fällt dazu der klassische Small Talk bei jedem x-beliebigen Event ein: „Wie heißt du und was arbeitest du?“ Was aber würde passieren, wenn wir den Blick auf die Person richten würden und nicht nur auf seinen Lebenslauf? Was wäre, wenn wir uns statt die Small Talk Frage zu stellen, diese leicht abwandeln und mal fragen, was machst du eigentlich gern? Mit diesem Gedanken bin ich nicht allein, denn wir müssen den Menschen ganzheitlich betrachten – so wie Henrik Zaborowski es tut.

Glücklicherweise konnte ich – obwohl ich schon viel von ihm gehört habe, ihn aber nie live traf – Henrik über Twitter „kennen lernen“. Durch meine stetigen HR-Postings und Gedanken wurde er auf mich aufmerksam und wir verabredeten uns zu einem Telefonat. Was mit sofort auffiel, war seine unglaubliche Offenheit und eine Sympathie in der Sprache, dass es ein leichtes war, mit ihm über die eigene Persönlichkeit, das Leben sowie über Visionen zu sprechen. Man hatte das Gefühl, hier geht es um mehr als ein oberflächliches Abchecken – es ging um uns als Menschen und Kreateure unseres Lebens. Wir sprachen außerdem über ein Projekt, welches Henrik im September in Berlin ausrichtete: Human Place. Das Ziel dabei ist, das Recruiting menschlicher zu gestalten. Natürlich wollte ich es mir nicht nehmen lassen, bei dem ersten Treffen dabei zu sein und mich auf einen neuen Ansatz in HR einzulassen, ohne vorher genau zu wissen, was mich erwartet und so ging es allen Teilnehmern. Vorab war uns nur klar, dass es ein Event wird, in dem wir uns auf andere Menschen ohne Rang und Titel einlassen, um so die Potentiale des anderen auf eine neue Weise zu erfahren. Die Idee des Workshops stammt von Roman Padiwy, der diesen „LIZA for Life Workshop“ taufte (www.lizaforjobs.com). Davon möchte ich ein bißchen berichten.

Human Place in Berlin

Human Place fand erstmalig in Berlin-Kreuzberg Ende September statt und gab ungefähr 30-40 Personen den Raum, sich gegenseitig kennen zulernen, ohne vorab mehr als den Vornamen zu erfahren. Es wurde inständig dazu geraten, sich vorab sowie vor Ort nicht über die eigenen Titel oder Berufe auszutauschen, um das Bild des anderen nicht von vorherein zu verwässern. Als „reine“ Steffi zu einem Event zu gehen, hat eine neue Qualität. Wir selbst wissen, was wir in den Jahren bis heute erlebt haben, was uns freute, was uns schmerzte, was uns wachsen ließ und welche Einflüsse und Umstände dazu führten, dass wir heute sind wie wir sind. Aber wie viele Menschen in deiner Umgebung wissen wirklich davon – außer der Familie oder den Freunden? Und vielleicht noch nicht mal diese. Aber obwohl der Lebenslauf kurz oder lang sein kann, würden zwischen den Zeilen so viele Dinge stehen können, die darauf schließen, wie großartig jeder etwas gemeistert hat. Vorab wusste ich zumindest, dass ich Henrik endlich persönlich treffe und dass ich einige Menschen kennen lernen werde, die ich 1. nur über Twitter „kannte“, 2. wiedersehen konnte und 3. noch gar nicht kannte.

Nachdem sich alle in einem großen Raum versammelt hatten, erfolgte das Intro und das Why von Henrik. Wir sollten uns ganz ungezwungen auf die 4 Stunden einlassen und die Menschen in dieser Umgebung auf eine neue Art und Weise kennen lernen. Zuerst wurden wir in 2 Gruppen eingeteilt, um in diesen 3 wichtige Aufgaben zu lösen. Wir erhielten dafür ein Workbook, welches wir persönlich für uns ausfüllen und nutzen konnten. Das Geschriebene war nur für uns selbst bestimmt, um uns einmal nur mit unserem Inneren zu beschäftigen. Ob und wie ausführlich die Worte für andere zugänglich wurden, lag bei jedem selbst. Dabei ging es vorrangig um die Themen „Objekte & Ressourcen“, „Fähigkeiten & Eigenschaften“ sowie „Erfahrungen & Wissen“. Ich werde jetzt nicht konkret auf die einzelnen Bereiche eingehen, damit jeder noch die Chance hat, dies selbst zu erleben. Für mein Empfinden war der letzte Punkt „Erfahrungen & Wissen“ besonders intensiv. Wenn ihr euch wirklich einmal überlegt, was ihr alles erlebt habt – ob im privaten oder im beruflichen Kontext – und was davon euch wirklich nachhaltig beeinflusst hat, kommen teilweise nicht nur schöne Erinnerungen hoch. Dennoch haben auch die schweren Erfahrungen einen Nutzen, da die Überwindung dieser auch Stolz oder Kraft zum Ausdruck bringen kann und die Gewissheit, es gemeistert zu haben – auch wenn es nachhaltig schmerzen kann. Der Wechsel zwischen dem Nachdenken, dem Teilen und dem Besprechen mit anderen, sorgte für eine Atmosphäre des geschützten Raums und der Empathie.

Später kamen die beiden Gruppen wieder zusammen und konnten gemeinsam etwas erarbeiten, was abschließend dafür sorgte, die Talente und Fähigkeiten des unbekannten Gegenübers schätzen zu lernen. Erst zum Schluss stellten wir uns einander vor (Name + Beruf). Es war kurzweilig, spannend, teilweise herausfordernd, interessant, durchrüttelnd, vertraut und gut. Ich ging danach mit vielen Gedanken und Impulsen nach Hause. Als Recruiterin denke ich viel über Menschen und wie man sie zusammenbringt nach. Als Steffi denke ich viel über das Leben und die unterschiedlichen Beziehungen zwischen Menschen nach. Das ergänzt sich somit ganz gut. Macht aber einiges auch nicht unbedingt leichter. Aber wer sagt schon immer, dass der leichte Weg der beste ist?

Das H in HR steht für „Hinsehen“

Mir gefällt der Ansatz. Die Schieflage in HR umfasst mittlerweile so viele Dinge, die es zu berücksichtigen gibt und doch ist immer der Mensch der Mittelpunkt. Alle Bewerber – egal, ob Quereinsteiger, Berufserfahrene, Aushilfen oder Azubis (um nur einige zu nennen) – wünschen sich eine gute Candidate Experience mit Wertschätzung. Solche Events machen aber deutlich, dass auch die HRler über neue Ansätze nachdenken, den Menschen wieder in den Fokus zu rücken. In unserer Welt, die aktuell unzählige Eindrücke abliefert, die vor allem durch das Internet und die sekundenschnelle Übermittlung von Informationen auf uns einprasseln, verlieren wir manchmal den Blick für das Wesentliche und die wichtigen Kleinigkeiten. Dann ist es schön, solche Menschen zu treffen, die uns in den Moment holen und unsere „Bewertungskultur“ hinterfragen.

Wie nehmen wir selbst wahr? Wie nehmen wir uns und andere wahr? Darüber musste ich viel nachdenken. Denn, wenn ich ehrlich bin: als Henrik mich fragte, ob wir telefonieren, war ich aufgeregt. Ich dachte: „Wow, der Recruitingexperte will mit mir sprechen. Was habe ich denn zu bieten?“ Aber ich sage euch etwas: wir haben alle etwas zu bieten. Uns selbst!