„Jobexperimente“ für jedermann

19. April 2020 0 Von SteMa

In den letzten Wochen hat sich unsere Welt etwas verschoben und jeder Tag birgt für uns neue Informationen, die sich auf unser privates und berufliches Leben auswirken. Für einige mag sich nun eine Zeit eröffnen, die es ermöglicht, sich wirklich mit sich selbst zu beschäftigen, die gleichzeitig deutlich macht, welche Dinge wirklich wichtig sind, z.B. dass unser Zuhause eine wichtige Konstante für inneres Wohlgefühl ist, dass Gesundheit immer mehr wiegen wird als alles andere, dass wir unsere Zeit sinnvoll mit Tätigkeiten füllen, die früher ganz selbstverständlich waren und uns vom Konsum abwenden, um wieder in Stille all die Bücher zu lesen, die achtlos in unseren 4 Wänden lagen. Puzzle und Gesellschaftsspiele erleben ein Revival. Telefonieren und Videotelefonie werden wichtiger denn je, um Distanzen zu mindern und Verbindung zu schaffen. Viele, nicht alle, erhalten die Möglichkeit, ihrem Beruf von zuhause aus nachzugehen. Dadurch erhält auch der Begriff „Work-Life-Balance“ eine neue Qualität und kann unterschiedlich erfahren und bewertet werden. Birgt das Home Office doch die Annahme, dass nun man mehr Zeit für die eigene Familie hat und der Arbeitsweg, der nun entfällt, als Arbeitszeit effizient genutzt werden kann. Auf der einen Seite mag dieses skizzierte Bild eine gewisse Romantik hervorrufen, aber es gibt auch eine andere Seite, die beachtet werden muss.

Obwohl sich viele Unternehmen bemühen, den Großteil ihrer Mitarbeiter fit für das mobile Arbeiten oder HomeOffice zu machen, gibt es trotz dieser Umstellung auch ganz andere Szenarien, die unser Verständnis von einem guten Arbeitsverhältnis nachhaltig verändern werden. Die Sicht auf Arbeit, Arbeitgeber und Arbeitnehmer wird sich gerade in einer Ausnahmesituation stark ändern. Die Umstände, welchen wir ausgesetzt sind, werden unser berufliches Handeln erschüttern oder festigen. Dabei stehen auch Fragen im Vordergrund wie: wie gut informiert mich mein AG? Wie gut funktioniert Führung mit Distanz? Fühle ich mich in der jetzigen Situation beruflich handlungsfähig, sicher und sind die Prozesse und Entscheidungswege gut umsetzbar? Außerdem entstehen ja auch für den AG aufgrund von Unsicherheiten in der Bevölkerung Handlungsketten oder sagen wir eher Nicht-Handlungsketten von fehlenden Konsumenten, die zu einem Umdenken zwingen. Alles, was wir als selbstverständlich wahrnehmen konnten, fällt weg:

  • Menschen können keine Kultur mehr genießen und z.B. ins Kino gehen.
  • Menschen dürfen nicht mehr einen romantischen Abend in einem Restaurant erleben.
  • Großveranstaltungen wie Konzerte oder Festivals fallen aus.
  • Niemand geht mehr in eine Shoppingmall.
  • Analoge Weiterbildungen in Gruppen finden nicht mehr statt.
  • Kinderbetreuung und Schulen können nicht wie gewohnt genutzt werden.
  • Der öffentliche Nachverkehr wird kaum genutzt.

Dies ist nur ein kleiner Auszug von dem, was wir bis vor kurzen ohne zu zögern wahrnehmen konnten. Plötzlich konzentriert sich vieles auf nur einen Ort: das eigene Zuhause. Aktuell bemühen sich viele Betroffene um Alternativen. Restaurants liefern. Musik wird live gestreamt. Onlinewebinare nehmen zu.

Es gibt aber auch noch ganz andere Herausforderungen: die Unternehmen, die sich in der Krise nicht halten können, weil ihre Kunden wegbrechen und die Angebote nicht genutzt werden, müssen sich mit ganz anderen neuen Herausforderungen auseinandersetzen. Nämlich Kurzarbeit oder sogar Entlassungen. In meinem Umkreis betrifft dies sehr viele Menschen, die unterschiedlich damit umgehen. Für manche bedeutet dies Existenzangst. Für andere die Chance, sich endlich neu zu orientieren, weil sie nie den Mut hatten, die Entscheidung, zu gehen, selbst zu treffen.

Stand am Anfang des Jahres noch eine Beförderung an, so hat der Mitarbeiter nun ggf. die Kündigung in der Hand. Ging jemand motiviert jeden Tag zu seinem Vollzeitjob und muss plötzlich nur noch 20% der Arbeitsstunden im HomeOffice leisten, wird seine Kreativität und sein Pragmatismus beschnitten. Und wird jemand aufgrund der Situation gekündigt, fragst du dich vielleicht, wo du dich in dieser Zeit überhaupt bewerben kannst, wenn Einstellungsstop und Kurzarbeit auch andere Unternehmen betreffen. Was macht das mit uns?

Kurzarbeit

Ein Bekannter sagte letztens zu mir, dass Kurzarbeit ein bißchen so wäre als würde man in Elternzeit gehen oder zu Teilzeit wechseln. Diese Ansicht mag nicht bei jedem Zustimmung finden und scheint vermutlich auch nur eine Variante zu sein, mit der ungewohnten Situation umzugehen. Letztendlich kann Kurzarbeit natürlich sehr unterschiedlich wahrgenommen werden. Es gibt Menschen, die die mehr gewonnene Zeit nutzen, sich mehr mit der Familie zu beschäftigen oder endlich die Bücher lesen, die zu lange unberührt waren. Kurzarbeit betrifft teilweise sogar neue Mitarbeiter, die in der jetzigen Zeit bei einem neuen AG anfangen. Hier sind gute Konzepte und Führung gefragt. Kurzarbeit kann auch enorme finanzielle Schwierigkeiten hervorrufen. Außerdem würden einige Menschen die „neu gewonnene Zeit“ dann gern auch mit einem Zweitjob abfedern. Aber in der jetzigen Zeit gibt es auch hier viele Unsicherheiten. Es gibt aber auch genug Menschen, denen die Kurzarbeit folgendes aufzeigt:

  • Ich bin auch mit reduzierter Arbeitszeit effizient.
  • Ich komme mit weniger Geld zurecht.
  • Wie sinnvoll ist mein Job?
  • Wie effizient sind die Unternehmensprozesse in Hinblick auf Entscheidung und Umsetzung?
  • Wie kann ich die neu gewonnene Zeit sinnvoll nutzen und mich engagieren?

Was verändert sich durch diese Gedanken? Die Auseinandersetzung mit sich selbst und die Neustrukturierung der Aufgaben in einem kleineren Zeitfenster kann bspw. dazu führen, dass ich meinen Arbeitsstil hinterfrage. Sind Strukturen und Prozesse dafür verantwortlich, dass schnell und unkompliziert Entscheidungen getroffen und Projekte umgesetzt werden können? Habe ich genug Informationen, um meine Aufgaben gewissenhaft und gut zu erfüllen? Bin ich gut informiert, wie lange die Kurzarbeit besteht und was danach geschieht? Bin ich nun genauso effizient wie in Vollzeit, wird diese Erkenntnis für beide Seiten (AN & AG) interessant: Menschen, die schon lange von einer Reduzierung der Arbeitszeit träumten, könnten in diesen Zeiten beweisen, wie effizient und gut sie weiterhin arbeiten. Das ist natürlich nur eine Seite, denn es gibt genug Unternehmen, in denen Aufgaben den Mitarbeiter überfrachten und zu unzähligen Überstunden führen. Hier liegt der Fehler aber im Inneren des AG. Deshalb gilt hier nicht das Argument: was habe der AN denn vor der Kurzarbeit in Vollzeit überhaupt gemacht. Hier liegt die Chance, die Prozesse zu hinterfragen und neu zu strukturieren sowie die Einsätze der Mitarbeiter sinnvoll zu prüfen. Einige Kurzarbeiter möchten sich in dieser Zeit ehrenamtlich engagieren und einige Unternehmen stellen ihre Mitarbeiter sogar für einen bestimmte Anzahl an Stunden oder Tagen sogar frei, um soziale Angebote zu unterstützen oder an einem Hackathon teilzunehmen. Ein „das geht nicht!“ sollte hinterfragt werden. Diejenigen, die diese Angebote umsetzen, können Ihnen sagen, wie es doch geht.

Kündigung

Leider gibt es aktuell viele Nachrichten über Unternehmen, die ihre Mitarbeiter entlassen müssen, um das Unternehmen bspw. vor einer Insolvenz zu retten oder weil sie aktuell die Gehälter durch fehlende Einnahmen nicht mehr zahlen können oder auch, weil es vorab keine Möglichkeit gab, Gewinne zu erwirtschaften, die in einer Krise den Bestand sichern. Außerdem sagt man: den letzten beißen die Hunde. D.h. wer befristet ist oder neu in ein Unternehmen kam, steht meist als erster in der Reihe der vertretbaren Auflösung von Arbeitsverhältnissen. Es mag unterschiedliche Ausgangspunkte geben, aber vielleicht hilft die Gewissheit uns, neu zu denken. Durch meine Arbeit bei Quit & Jump habe ich in den letzten Jahren einige Menschen kennengelernt, die solche Situationen annehmen, weil sie seit einiger Zeit über einen Wechsel oder eine berufliche Neuorientierung nachdachten und erst die Kündigung ihre Fesseln löste. Für manche Menschen ist dies ein Startschuss. Für viele andere sicher eine herausfordernde Zeit, die mit Ängsten verbunden ist. Zuerst einmal fallen wir relativ weich in unserem System. Wir haben Anspruch auf Unterstützung vom Staat sowie die Sichtung von Jobangeboten oder Weiterbildungsmöglichkeiten. Letzteres ist in einer Vielzahl heutzutage auch online abrufbar. Außerdem ist es heutzutage besonders wichtig in dieser Situation eines in Anspruch zu nehmen: unser Netzwerk! Der Austausch im Netzwerk bietet nicht nur die Möglichkeit, den Bedarf mitzuteilen und empfohlen zu werden, sondern vor allem eins: gehört und bestärkt zu werden! Die Solidaritätskette ist ein unglaubliches kraftvolles Instrument, um durch innere Stärke durch diese Zeit zu gehen und jeden Tag den Mut zu finden, sich den Herausforderungen zu stellen. Eine Kündigung ist nie das Ende, es ist immer der Anfang von etwas neuem. Dabei sollten wir nie vergessen, dass auch die Vergangenheit die Zukunft beeinflussen kann. Netzwerke und Kontakte, die wir knüpfen, können uns unterstützen.

HomeOffice

Zu diesem Thema gab es in den letzten Wochen schon sehr viele Artikel, Beiträge oder Meinungen. Meist ging es darum, wer HomeOffice macht und welche Tools gut für Teammeetings sind. Wie fing das alles an? Plötzlich wurden die Begriffe mobiles Arbeiten und Homeoffice zu einer Dringlichkeit. Für einige Unternehmen, bspw. StartUps waren diese Arbeitsumgebungen bereits fester Bestandteil der Unternehmenskultur. Andere mussten sich erst einmal mit diesem Thema auseinandersetzen und die Umsetzung prüfen. Viele Berufe können aber gar nicht digital ausgeführt werden. Und sicher gibt es einige Unternehmen, die sich dem „aktuellen Trend“ nicht beugen und weiterhin im Büro arbeiten. Nicht, weil sie nicht mobiles Arbeiten anbieten könnten, sondern weil sie nicht wollen. Dabei tritt folgendes zutage: Wertschätzung, Führung, Vertrauen und Kommunikation werden auf eine Probe gestellt. Wer kennt nicht Kollegen, die sagen: „Na, du hast es ja gut mit deinem HO“ oder „wäschst du jetzt mehr Wäsche?“. Was als kleine Sticheleien rüberkommen mag, kann einen bitteren Nachgeschmack haben. Neid? Unwissenheit? Zweifel an der Qualität der Arbeit im HO? Dabei bin ich mir sicher, dass viele Menschen im HO unheimlich gewissenhaft, effizient und konzentriert arbeiten. Auch Arbeit im HO kann Unsicherheiten schüren: sind nicht alle im HO oder mobilen Arbeiten entsteht das Gefühl von Ungerechtigkeit oder das schlechte Gewissen meldet sich. Was macht das mit der Teamkultur? Welche Zusammenarbeit ist die richtige, wenn nicht alle im HO arbeiten können? Manche greifen hier auf Wochenteams zurück, die sich alle 2 Wochen abwechseln und in einer festen Besetzung im Büro arbeiten. Andererseits spielt Führung eine wichtige Rolle: wieviel Eigenverantwortung kann ich an meine Mitarbeiter geben und wie kann ich die Aufgaben nachhalten? Auch hier spielen Kommunikation und Information eine wichtige Rolle. Regelmäßige virtuelle Meetings, Infomails oder Teamtools zum Austausch sind unabdingbar für eine gute Zusammenarbeit, damit jeder seine Rolle im Team gefestigt sieht. Die Fäden müssen zusammengehalten werden. Jeder leistet seinen Beitrag zur jetzigen Situation und Führungskräfte sind das Fundament für eine starke Teamkultur. Eine Hinterfragung der Notwendigkeit eines oft gelebten Präsentismus und die Erkenntnis, dass Kontrolle nicht das Maß der Dinge ist, sondern die gute Zusammenarbeit trotz Umständen, kann die Arbeitskultur nachhaltig verändern. Loyalität und das „Gemeinsam-Gefühl“ werden die Treiber der Zukunft sein, wenn jetzt richtig gehandelt wird. Ansonsten kann der falsche Umgang mit den Mitarbeitern dem Employer Branding nachhaltig schaden.

Die ungewisse Bewerbung

Ein wichtiger Punkt in der aktuellen Situation sind Bewerbungen. Das Recruiting und der Arbeitsmarkt werden regelmäßig hinterfragt. Außerdem wird eruiert, wie sich die aktuelle Situation auf den Arbeitsmarkt auswirkt. Welche Veränderungen nehmen Sie wahr – als Bewerber oder Personaler? Bewerber fragen sich sicherlich, wo es möglich ist, sich zu bewerben. Wenn eine Entlassung durch die Krise zustande kam und mein Beruf als nicht systemrelevant eingestuft wird, wo wird er dann überhaupt gerade gebraucht? Und wie werden Bewerbungsgespräche mit Kontaktverbot durchgeführt? Und auch, wenn digitale Alternativen angeboten werden, gibt es bei vielen Unternehmen nicht die Möglichkeit, einen Arbeitsvertrag digital zu unterschreiben oder ein digitales Onboarding wahrzunehmen. Außerdem kommen einige Unternehmen nicht drum rum, Einstellungsstopps auszusprechen. Manche Bewerber sind handlungsunfähig oder ratlos, was das Beste zu sein scheint. Wahrscheinlich wird es deswegen viel weniger Bewerbungen in einigen Branchen geben. Eines ist klar: trotz aller Bemühungen sich digital aufzustellen, wird dies doch nie das persönliche Kennenlernen ersetzen. Dies ist für beide Seiten der wichtigste und aufregendste Moment. Haben wir uns doch in den letzten Jahren dafür ausgesprochen, uns nicht von Anschreiben oder Lebensläufen beeinflussen zu lassen, sondern das persönliche Gespräch zu nutzen, um den Bewerber auf Herz und Nieren zu prüfen. Genauso wie es uns beeinflusst, Freunde und Familie nicht mehr zu sehen, fehlt uns hierein wichtiger Baustein für das Fundament einer Beziehung.

Und nun?

Mich interessieren eure Gedanken zu diesen Themen. Es scheint mir, dass wir jeden Tag neu würfeln, dass wir jeden Tag neue Puzzleteile zusammensetzen dürfen und uns deshalb nicht grämen sollten, sondern wirklich schauen mit welchen Bausteinen, auch wenn es noch nicht alle sind, kann ich meinen Weg gehen. Wovon muss ich mich trennen (Gedanken, Menschen, Strukturen)? Wo brauche ich mehr Unterstützung (Team, Freunde, Zeitmanagement)? Was ist mein Anspruch an diese Zeit und wie möchte ich danach arbeiten?